15“And now,” the Director shouted (for the noise was deafening), “now we proceed to rub in the lesson with a mild electric shock!”

Aldous Huxley – ‘Brave New World’ 1931

Zuallererst: sie haben diesen seltsamen Namen – Agar Agar. Agar-Agar ist ein pflanzliches Geliermittel aus gekochten Algen. Armand züchtete Ameisen, fütterte sie mit einer Agar-Agar- Mischung und empfand es schon immer als ein sehr interessantes Wort. Man kann sich alle möglichen Definitionen für Agar-Agar vorstellen. Als Name kann es Bilder von allem heraufbeschwören, von einem lächerlichen Whole Foods Produkt bis hin zu einer norwegischen Black Metal Band. Es spiegelt wider, was das Duo so besonders macht: sich ständig weiterentwickelnd, ein wenig absurd und immer frei, mit einer leicht punkigen, sorglosen Einstellung. Vor allem aber ist Agar Agar eine der größten Überraschungen der letzten Jahren aus Frankreich: ein Duo, das niemand wirklich kommen sah, das es geschafft hat, den perfekten Raubüberfall durchzuziehen, ohne Promotion oder Hilfe aus dem Showbiz.

Armand (26 Jahre alt, Synthie und Drum Machines) und Clara (25 Jahre alt, Vocals und Drum Machines) besuchten beide die École de Beaux-Arts de Cergy – eine Kunsthochschule in der Nähe von Paris – wo sie sich kennenlernten und sich in Trance-Musik verliebten. Armand ist eher ein Synth-Fan und schwört auf den Techno des berühmten Labels Warp Records, sowie auf leicht verrückte futuristische Konzepte. Clara hat einen Hintergrund als Garage-Rock Sängerin mit einem schwelenden Stil in der Band Cannery Terror. Eines Abends beschlossen Armand und Clara zusammen zu jammen und dies war die Geburtsstunde von Agar Agar. Nach einigen DIY-Shows auf Kunst-Soirées an Schulen stieß das Label Cracki Records auf das Duo und nahm es sofort unter Vertrag. Kurz darauf, im Jahre 2016 veröffentlichten sie ihreDebüt-EP „Cardan“, auf der wir Clara erstmals in ihrer Rolle als Priesterin des Goth begegnen: Eine Art Wiedergeburt von Siouxsie im Gewand von Donna Summer. Stücke, die klingen wie ein diskoider schamanischer Trip, dunstig und ultra-langsam, ein Aufruf zu Besessenheit und Hingabe. Innerhalb von zwei Jahren und mit nur einer EP à vier Titeln im Köcher bespielen Agar Agar Konzert-Venues wie Gaîté Lyrique oder La Cigale in Paris, die Monate im voraus ausverkauft sind. Mittlerweile sind sie eine feste Größe in ihrem Genre. Auf ihrem Weg, das Universum zu erobern, haben sie den gleichen Erfolg von Paris bis Montreal, Berlin und New York.

Jetzt hat die Stunde ihres ersten Long-Players geschlagen: „The Dog & The Future“ mit dem Artwork des Künstlers Keith Rankin. Das Album wurde in einem Landhaus bei Biarritz komponiert, in absoluter Konzentration und weit entfernt vom Tournee- Marathon. Dort lebten und brauten sie jeden Tag gemeinsam in Kreativität, wobei Ideen aus allen Richtungen auftauchten, auf die sie sofort und in perfekter Harmonie reagierten. Aufgenommen mit einem Setup – ein Yamaha TX 81Z Synthesizer, Effect Pedals, ein Korg MS-20 und eine TR-606 Drum Machine – das längst zu ihrer klanglichen Unterschrift geworden ist, wurde „The Dog & The Future“ wie ein Konzept- Album realisiert. Der erste Teil „The Dog“ ist eher für die Bühne gedacht, der zweite Teil „The Future“ ist dagegen nachdenklicher und musikalisch riskanter. Auch hier taucht das Markenzeichen von Agar Agarwieder auf: Claras hingebungsvolle Stimme schwebt über makellosen, dunstigen Slow-disco Instrumentals. Es ist ein melancholisches, nostalgisches und zugleich poppig-futuristisches Album, das sich thematisch um die virtuelle Realität, um Simulationen des Lebens, um Hunde und um die Liebe dreht. The Dog & The Future steckt voller Perlen wie „Shivers“: ein hochfliegendes Stück, bei dem Clara sich komplett gehenlässt und zu einer charismatischen Pop-Sängerin wird. Ihre Stimme ist spürbar durchsetzungsfähiger und atmet eine neue Freiheit, als sie ihre Haare fallen lässt und eine Geschichte von virtueller Realität und einer pixeligen Gegenwart erzählt.

 

Die Single „Fangs Out“, deren ultra-düsteres Video sich irgendwo zwischen billigem 3D und realistischen Kameraschüssen bewegt und damit an eine Black Mirror Episode auf Codein erinnert.

 

Der Track „Sorry About The Carpet“wiederum ist durch das Slacker-Universum des Underground-Komik-Künstlers Simon Hanselmann geprägt: es geht um Themen wie zugedröhnte Trips unter Freunden, Paranoia und Momente der subjektiven Anmut. Das Video wurde von Antonin Peretjatko, gedreht, dem farcenreichen Regisseur der Filme ‚La Fille du 14 Juillet‘ und ‚Struggle for Life‘.

Agar Agarwagen sich auf dem Album mit „Gigi Song“ sehr weit vor, einem grandiosen Popsong in der großen Tradition der Powerballaden à la Bon Jovi oder ‚Take My Breath Away‘ der Band Berlin. Es ist ein melodramatisches Lied über eine transsexuelle Frau, die einen Fötus in einem Briefkasten findet. Eine Ode an die Liebe, die eine sanfte und schöne Spur voller Küsse, Liebkosungen und süßer Worte für Kinder schafft.

Und ja, das Absurde, die Langeweile und die naive Poesie der Jugend sind immer mit im Spiel bei Agar Agar, und „The Dog & The Future“ strotzt vor Augenzwinkern in Richtung Pop-Kultur, vor labyrinthischen Rätseln, Opium-geschwängerten Schwingungen und noch ganz anderen Dingen. Um sie zu erkennen, muss man sich tief einarbeiten in das Album, dessen Veröffentlichung im Herbst viel Lärm machen wird. Ein Album, das oszilliert zwischen Granatapfel großen Herzen, einem Himmel aus Schatten, dem Dunst der Erde, mystischen Zuckungen und dem schwarzen Leder des Nihilismus der neuen Blank-Generation.