I’m collapsing under everything I’ve known”
‘Angel Wings’

 

Vergesst alles, was ihr über Frank Carter & The Rattlesnakes zu wissen glaubt. Vergesst die überbordende Genialität ihres Debüts Blossomvon 2015 und des Top 10-Nachfolgers Modern Ruin. Vergesst die Liveshow, die immer noch zu den aufregendsten und emotionalsten in der heutigen Rockwelt gehört.

Alles, was die Band bisher erreicht hat, war nur das Vorspiel für ihr spektakuläres drittes Album End Of Suffering.

“Es ging schon immer um das dritte Album, von Anfang an”, erklärt Frank im Proberaum der Band in Mile End, wo er neben Dean Richardson, dem Gitarristen und Co-Songwriter, auf dem Sofa sitzt. “Uns war klar, dass wir möglichst schnell an einen Punkt kommen mussten, wo die Leute merken, dass wir nicht einfach nur eine Hardcore Punkband sind. Unsere Ideen sind viel größer.”

Nur sechs Monate dauerte die Arbeit an End Of Suffering. Benannt wurde das Album nach dem buddhistischen Begriff für Erleuchtung und es klingt nach einer Band, die eine völlig neue Sphäre der Wahrnehmung betritt. Es ist eine 40-minütige Rock’n’Roll-Achterbahnfahrt aus brodelnden Krachern, sengenden Balladen und grungigen Wiegenliedern, durch die sich wie ein roter Faden die schmerzhaft ehrlichen Texte ziehen. Es ist auf dem Weg zum Stadionalbum und gleichzeitig ein tief empfundener Seufzer.

“Das ist das ehrlichste Album, das ich je geschrieben habe”, erklärt Frank. “Auf Blossomging es um Verlust, Modern Ruinwar über bröckelnde Grundfesten – in Beziehungen und in der Gesellschaft. End Of Sufferingist viel persönlicher. Es geht darum, wie schwer man sich das Leben selbst machen kann.”

Wie bei allen richtig guten Alben war auch bei diesem der Weg gepflastert mit Leidenschaft, Beharrlichkeit und mehr als nur einer Handvoll emotional düsterer Nächte.

 

Als die Tour zu Modern Ruinim Dezember 2017 mit einer triumphalen, ausverkauften Show in der Londoner Brixton Academy zu Ende gegangen war, fanden sich Frank, Dean und der Rest der Band mit noch schwirrenden Köpfen im realen Leben wieder.
Modern Ruin lief so gut, dass wir gar nicht wussten, wann wir aufhören sollten, es zu pushen”, erinnert sich Dean. “Ein halbes Jahr früher wäre vielleicht besser gewesen.”
“Das Tourleben ist wie Walhalla”, fügt Frank hinzu. “Du bist jeden Abend auf dem Höhepunkt deines Schaffens. Solltest du zumindest sein, weil die Leute, die die Tickets gekauft haben, das mit Recht erwarten. Aber es ist so chaotisch, man hängt psychisch, körperlich und emotional sehr tief drin und das ist einfach wahnsinnig anstrengend.“

Die Orientierungslosigkeit des Sängers wurde noch dadurch verstärkt, dass er auch privat einige Baustellen hatte. “Ich steckte mitten in meiner Scheidung und versuchte mich irgendwie mit den Veränderungen in meinen Beziehungen zu arrangieren, zum Beispiel die gemeinsame bzw. geteilte Elternschaft. Viele von diesen Songs gingen mir also nicht so leicht von der Feder”, erzählt Frank mit der für ihn typischen Offenheit. „Alle sagen immer, dass man auf der Welle reiten soll. Das sagt sich leicht, wenn man ein Surfboard hat. Ich kann ja nicht mal schwimmen!“

 

Im Sommer 2018 trafen sich Frank und Dean regelmäßig in ihren Räumlichkeiten in Mile End und tauschten, bewaffnet mit einer elektrischen Gitarre und einem IPhone, Ideen aus.
Als Gegenpol zu Franks sehr persönlichen und intensiven Texten arbeiteten die Beiden an ein paar Songs, die ihre Tour-Spotify Liste widerspiegelten – eine flüssige, groove-orientierte Mischung aus allem von Prince bis Post Malone, The Bad Seeds bis Childish Gambino.

“Als ich in der Band Gallows war, litt ich unter ernsthaftem Blender-Syndrom, weil ich eigentlich nur Black Flag hören durfte – das wurde so vorausgesetzt“, sagt Frank grinsend.
“Aber selbst damals mochte ich Björk und ich liebte Madness und auch klassische Musik. Mein Musikgeschmack ist sehr vielseitig und diesem Album merkt man das an.”

Weil sie sich unbedingt von der Zwangsjacke des Punkrock befreien wollten, engagierten sie den Produzenten Cam Blackwood (George Ezra/Jack Savoretti), um ihre ungeschliffenen Demos massenkompatibler zu machen. “Wir vereinbarten eine Probesession und am Ende hatten wir zwei Songs geschrieben und ich hatte auf ‘Love Games’ die beste Gesangsperformance meines Lebens abgeliefert“, erinnert sich Frank. “Er ist ein waschechter Popproduzent, aber er liebt Rockmusik genauso wie wir. Es geht nicht um den Sound, sondern die Haltung und die versteht er. Man muss Regeln brechen, damit die Musik frisch bleibt.”

Die Band ging in Blackwoods ‘Besenkammer’-Studio in Clapham und ließ sich von der Energie mitreißen. Die Tracks wurden einfach schnell aufgenommen, anstatt viel Zeit darauf zu verwenden, die Stimmung der Demos zu reproduzieren. Nach ein paar zusätzlichen Sessions in den Chapel Studios in Lincolnshire erhielt das Album von der Mixing-Legende Alan Moulder (Nine Inch Nails/QOTSA) den letzten Schliff. „Wenn man nicht aufpasst, kann ein Rockalbum schnell nach einer Tribute-Platte klingen”, sagt Dean. „Er weiß, was die Songs brauchen. Er hob sie auf ein anderes Level.“

 

Das Ergebnis heißt End Of Suffering. Es ist voller Ideen, Energie und – was nicht unwichtig ist – großartigen Songs. ‘Kitty Sucker’, auf dem Frank sich förmlich die Hände reibt: “I’m a punk rock renegade/ A tattooed motherfucker dripping lust for decade”, soll den Moshpit vor der Bühne durchwirbeln. ‚Tyrant Lizard King‘ ist sogar noch härter. Es ist das musikalische Äquivalent einer blutigen Auseinandersetzung zwischen Muse und Kasabian am Set von Peaky Blinders.

Aber erst, wenn die Wut abebbt, packt einen End Of Suffering so richtig. ‘Anxiety’ ist eine paranoide Festivalhymne, die nur auf ihren Moment wartet. ‘Love Games’ ist atemberaubend mit viel Distortion und erinnert an die Glanzmomente von Amy Winehouse; es hat das Zeug zum Soundtrack des Sommers. Und damit kommen wir zum Titeltrack. Eine akustische Ballade, die mit einer Aufnahme von Franks Tochter Mercy endet – eine emotionale Mahnung, dass die dunkelste Stunde direkt vor dem Sonnenaufgang kommt.

 

 

„Ein Album ist eine Waffe“, fasst Frank zusammen. „Es kann heilsam sein für das Publikum, es kann aber auch eine Menge Schaden anrichten, wenn die Reise die Leute zu sehr aufwühlt und sie emotional zu sehr mitnimmt. Deswegen soll das Album auf jeden Fall positiv enden.“

Das ist richtig. In einer Zeit, in der Popmusik nichts mehr aussagt und Rockmusik nur dem Schema F folgt, leistet End Of Suffering, was gute Musik immer leisten sollte: die Stimmung zu heben und die Seele zu berühren. 2019 wird kein besseres Album erscheinen.