„Am Himmel über dem Studio schien der Mond jede Nacht hell und gelb“, erzählt Patrick O’Laoghaire. Er nennt sein erstes Album »Beneath A Yellow Moon« und widmet dem Erdtrabanten eben jene elf strahlenden Stücke, die er mit Produzent Paul Savage aufgenommen hat. Ein Album für den Mond.

Das ist I Have A Tribe, und so funktionieren eigentlich alle seine Songs: Patrick sieht etwas, entdeckt darin eine Einzigartigkeit, eine Schönheit – und greift diese poetisch auf. Die Musik des Iren ist dabei sehr situativ, lebt vom Augenblick. So gab es auch ein klares Ziel im Studio: den Perfektionismus überwinden, das Spontane einfangen, den Moment veredeln. Beim ersten Stück »Passage« etwa: Patrick und Savage hatten den Song im Kasten, hörten sie sich den Song noch einmal an und Patrick klimperte nebenbei auf einem Wasserglas den Beat mit, traf damit zufällig einen Ton, der dem Song gut stand. Savage stellte ein Mikro daneben und das Wasserglas kam auf die Platte. Das alles ist Patrick wichtig: die Momente, die Personen, die Orte. Das Wasserglas. Patricks Musik klingt durch diese konsequente Hingabe wie die Verehrung der Dinge und Menschen, die ihm begegnen. Manchmal sind seine Lieder, die stets ein Lächeln zu tragen scheinen, auch getränkt in eine gewisse Melancholie. Doch man folgt ihm gerne dorthin, erlebt man in seiner Musik doch ein Schwelgen in eben jenen Gefühlen, die das Leben so intensiv machen. Und Patricks Intensität ist ansteckend.
Gemeinsam haben die Stücke seines ersten Albums, dass sie im Vergleich zu den EPs mehr Raum für Patricks Stimme lassen, weniger opulent produziert sind. Manchmal hört man gar die Dielen knarzen, auf denen Patrick sein Klavier spielt. Das tut dem Album gut: Piano und Stimme sind die Grundpfeiler von »Beneath A Yellow Moon«, und Patrick ist ein Meister ihrer Klassen. Er interpretiert das Instrument äußerst innovativ, entlockt ihm Melodien, erzeugt einen lebensnahen Rhythmus, findet so auf zwei Ebenen Ausdruck für seine Beobachtungen, Gedanken und Gefühle. Denn da ist ja neben dem Piano wie gesagt noch diese Stimme, die sich kaum beschreiben lässt, über die man aber reden sollte! Einfühlsam klingt sie, flüssig, ergriffen. Patrick O’Laoghaire erzeugt Nähe und Intimität mit der Art, wie er singt. Hört man ihm zu, fühlt man sich neben ihm, sieht ihn andächtig lächeln, mit geschlossenen Augen. Genau das ist auch Patricks erklärtes Ziel: Er möchte Musik machen, die seine Dankbarkeit gegenüber seinen Freunden und seiner Familie ausdrückt, gleichzeitig aber in 50 Jahren einem Fremden noch dieselben Gefühle bereitet.
Die Stücke leben von ihrer Reduzierung, die gleichzeitig eine große Bühne für die feinsinnig eingesetzten Ausbrüche erschafft. Wenn Bass, Schlagzeug oder Gitarre dazukommen, dann bebt für einen Augenblick die Erde. »Cold Fact« ist so ein Song, eine Hommage an seine Liebsten und an den Rest der Welt, oder »La Neige«, das schließlich zu einer Einladung wurde: „Ich hatte diese Show in Dublin und fragte meine Freunde, mit mir gemeinsam zu spielen. Ich zeigte ihnen den Song.
Beim zweiten und dritten Durchspielen probierten sie noch ein wenig, beim vierten Mal spielten sie komplett mit und fühlten den Song.“ I Have A Tribe: ansteckend.
Diese Montagen aus konkreten Situationen findet man auf der Platte immer wieder, bei »Cuckoo« etwa, dem letzten Stück, das aus Live-Aufnahmen aus Glasgow, Dublin und Berlin arrangiert wurde und den Grundstein für das Album legte. Patrick arbeitete als Pianist in Restaurants und Hotels, beendete sein Spiel allabendlich mit »Somewhere Over The Rainbow« – die Melodie ging in »Cuckoo« über und markiert so sein nach Unschuld suchendes Musikverständnis. Inspiriert von seiner zweijährigen Nichte, die ganz intuitiv auf Klaviertasten haut und dazu Töne von sich gibt, suchte Patrick in der Produktion nach seinen eigenen musikalischen Wurzeln, wollte seine Naivität und den Spaß am Spiel wiederentdecken. Mit »Beneath A Yellow Moon« ist ihm dies gelungen, sein Songwriting hat an Freiheit gewonnen, das Album ist voller Farbe. Die kindliche Verspieltheit hat sich den Songs tief eingeschrieben, und das kommt nicht von ungefähr: Paul Savages Studio ist ein Raum voller Spielzeug, und die beiden schnappten sich alles, was sie dort in die Finger kriegen konnten, probierten es aus. Ein Ansatz, der bis in den Gesang mündet: verspielt wie ein Kind in der Herangehensweise klingt Patricks Stimme wie der besonnene Rückblick auf seine eigene Kindheit.
Für Patrick ist die Musik dabei der Malerei nicht unähnlich. »Buddy Holly« zum Beispiel basiert auf einer acht Jahre alten Skizze, die er zu einer Leinwand machte, um sie schließlich mit seiner ganz eigenen Farbe zu bemalen. Das Ergebnis klingt wie ein buntes Gemälde, man kann sich darin verlieren. Bei einem solch farbenfrohen Debut ist es nicht abwegig, dass auch das Cover von intensiven Farben geziert wird. Der in Dublin und Berlin lebende Künstler David Hedderman, in dessen Berliner Zimmer Patrick das Stück »Cuckoo« fertig schrieb, malte nicht nur das Cover, zuvor portraitierte er für die »No Countries«-EP seinen engen Freund Patrick. Sie hörten Bob Dylans Blood »On The Tracks«, und Patrick war davon so begeistert, dass er kaum stillsitzen konnte. Das Resultat: ein farbenfroher Mensch. Das ist I Have A Tribe.

I Have A Tribe „Beneath A Yellow Moon“, Label: Grönland Records, VÖ: 27.05.16